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CARL CARLTON

Carl Carltons Weg zu „Lights Out in Wonderland“ war lang, abenteuerlich, von zahlreichen Höhepunkten und zweifellos auch dem ein oder anderen Umweg geprägt.
Letztendlich waren es die langjährigen Freundschaften mit zwei der ganz großen Persönlichkeiten der Rock-Geschichte, die dieses Album mehr als alles andere inspiriert und vielleicht sogar erst möglich gemacht haben: Levon Helm, Sänger und Drummer der legendären The Band und langjähriger Musiker in der Begleitband Bob Dylans, und Robert Palmer, mit dem Carlton bis zu dessen Tod im Jahre 2003 eng zusammengearbeitet hat, haben Carl von Anfang an darin bestärkt, sein Songwriting-Talent nicht nur in den Dienst internationaler Stars wie Willy De Ville, Robert Palmer, Paul Young, Eric Burdon, Joe Cocker, Jimmy Barnes und Manfred Mann zu stellen, sondern auch seine eigenen musikalischen Visionen zu verwirklichen. Das führte bereits 2000 zur Gründung seiner Band Carl Carlton & The Songdogs, in der Carlton vor allem seiner Leidenschaft für die britische Blues-Invasion der 60er-Jahre, insbesondere für Bands wie die Rolling Stones, Kinks, Small Faces, aber auch US-Heroen wie The Meters, Little Feat und eben auch The Band frönte.

Bei den Songdogs, mit denen sich Carl auch hierzulande einen Ruf als ausgesprochen mitreißender, charmanter und musikvernarrter Live-Performer schuf, standen ihm neben den Gründungsmitgliedern Wyzard und Moses Mo (Mother’s Finest) dann auch erklärte Idole wie u. a. Ian McLagan (Small Faces), Bobby Keys (Rolling Stones), Sonny Landreth, Steve Howard (The Wings), Jon Smith (Edgar Winter) und natürlich Levon Helm zur Seite.
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Nachdem mit Levon erneut ein langjähriger Wegbegleiter, Mentor und enger Freund der Familie verstorben war, fiel Carlton in eine existenzielle kreative Krise. Er fragte sich, was er in einer Zeit, in der im fliegenden Wechsel dem Album-Format, der Gitarre, dem Vinyl, analoger Aufnahmetechnik und der gesamten Musik-Industrie der Tod prophezeit wird, und sich an die meisten Bands bereits zwei Jahre nachdem sie als der heißeste Scheiß der Welt gefeiert wurden, schon niemand mehr erinnert, überhaupt noch beitragen kann. Wenn die Welt dann auch noch, von machtgeilen politischen Räuberbaronen, Wall-Street-Verbrechern und blindem religiösem Wahn angezündet, lichterloh brennt, dann kann man schon mal auf den Gedanken kommen, dass auf diesem Planeten, den man als abenteuerlustiger, weltoffener Künstler seit jeher als Wunderland betrachtet hat, allmählich die Lichter ausgehen.
Doch Carlton war noch nie ein Mensch, der sich so leicht ins Bockshorn jagen lässt, und seine Kreativität hat sich stets ihr Ventil gesucht. Also besann er sich darauf, dass in seiner Brust neben dem für Rock und Blues auch immer schon ein Herz für die lyrischeren Momente schlägt: Eine Facette an sich, der er, obwohl sie in seinen ruhigeren Songs immer schon anklang, anfangs selbst nicht ganz traute, die aber von Robert, Levon und seinem Freund Van Dyke Parks, mit denen er sich immer wieder über seine Texte ausgetauscht hatte, ungeahnte Bestätigung und Ermutigung erfuhr. So wuchs allmählich sein Selbstbewusstsein als Texter und seine Lyrics wurden zur Grundlage für ein neues Album, das sich zwar nahtlos an die Werke der Songdogs anschließt, Carlton aber von einer von einer noch poetischeren und melodischeren Seite präsentiert.
Neben den eigenen Songs finden sich auf „Lights Out In Wonderland“ Titel, die ihn seit seiner Jugend nicht mehr loslassen: Songs wie Warren Zevons „Mutineer“, die laut Carlton nie die Anerkennung bekamen, die sie verdienen, die ihn inzwischen so lange begleiten, dass sie sich so nah und vertraut anfühlen, als wären es seine eigenen, und die sich deshalb inhaltlich und musikalisch perfekt in das Album einfügen. Ein Album, das eine Reise durch die eigene Vergangenheit in die Gegenwart ist, zu jenen Orten, Menschen, Erfahrungen und Ereignissen, die ihn inspiriert und geprägt haben.
Die Musik auf „Lights Out in Wonderland“, das seinen Titel DC Pierres gleichnamigem Roman und einer Songzeile von Woody Guthrie zu verdanken hat, schöpft aus Momenten, die bis in Carls Kindheit zurückgehen, als der Bauernsohn regelmäßig seinen Vater zum Viehmarkt begleitete. In der örtlichen Kneipe, wo dieser unterwegs gewöhnlich für eine Partie Skat einkehrte. gab es — im tiefsten ländlichen Ostfriesland damals mehr als ungewöhnlich — eine Jukebox, die mit Singles von Ray Charles, Lee Dorsey und Big Mama Thornton bestückt war. Diese Jukebox und die Begegnung mit Tom Sawyer, Huckleberry Finn und den Weiten des Mississippi im elterlichen Schwarzweißfernseher schürte bei Carlton schon damals die Begeisterung für einen Landstrich (und dessen Musik), an den es ihn später immer wieder ziehen sollte: Louisiana, New Orleans und der Sound des amerikanischen Südens, dieser Melting Pot in dem sich Delta Blues, Country, Cajun und Soul begegnen und die afrikanischen Wurzeln all dieser Stile so deutlich zu Tage treten wie nirgendwo sonst. Kein Wunder, dass Carlton die ersten Songdogs-Alben bevorzugt in den Dockside Studios im kleinen Deltastädtchen Maurice nahe Lafayette in Louisiana aufgenommen hat.
Apropos Wurzeln: Carl Carlton ist ein waschechter Roots-Mann und ein wahrer Musikbesessener. Schon in seiner ersten Band, den Emsland Hillbillies, mit denen er den Outlaw Country von Waylon Jennings, Jerry Jeff Walker und Johnny Cash zelebrierte, begeisterte er sich für den wilden Folk der Appalachen. Als Gitarrist seines Trios Vitesse und an der Seite des niederländischen Enfant Terrible Herman Brood erlebte er den rohen, schmutzigen Rock’n’Roll, den er wenig später in New York in der Band von Willy De Ville mit New Wave und Tex-Mex-Elementen kombinierte.
Die Verbundenheit zum Blues des amerikanischen Südens begleitete ihn schon damals ständig und führte ihn schließlich zu dessen afrikanischen Wurzeln – auch dank seines Mentors Robert Palmer, den er selbst einen „Musik-Professor“ nennt. Die meisten dieser, seiner nie ermüdenden Neugierde geschuldeten Leidenschaften lassen sich auch auf „Lights Out In Wonderland“ entdecken und haben dem Album ihren Stempel aufgedrückt.
Zum einen in der Auswahl der Coverversionen: „Rock’n’Roll Gypsies“ von dem zu Unrecht vergessenen Singer-Songwriter Roger Tillison entdeckte Carlton auf dem Solo-Album des von ihm verehrten Taj-Mahal-Gitarristen Jesse „Ed“ Davies; Little Feats „Sailin’ Shoes“ gehört ins Repertoire seines Freundes Van Dyke Parks; das bereits erwähnte „Mutineer“ ist der Titeltrack seines Liebling-Albums von Warren Zevon; „Invincible“, das in seiner juvenilen Aufmüpfigkeit Kerouacs „On The Road“ beschwört, stammt von seinem Sohn Max Buskohl und erinnert in Carltons Interpretation und ein klein wenig an die britischen Folk-Rock-Pioniere Stealers Wheel.
Zum anderen natürlich in den Eigenkompositionen: „Lucky Bet“, wo neben „Sailin’ Shoes“ die afrikanischen Elemente am präsentesten sind, komponierte er gemeinsam mit Robert Palmer. „Moonlight In New York“ ist eine Hymne an den Big Apple, getragen von bittersüßen Harmonien, einer schwelgerischen Orgel und nicht nur dank der jubilierende Slide im Refrain ein gnadenloser Ohrwurm. In „Little Men In The Radio“ erinnert sich Carl, wie die Oma und der Vater ihm früher erzählt haben „da sitzt ein kleiner Mann im Radio, wenn du lügst, dann wird deine Zunge schwarz oder alle Kirchenleute und Politiker kommen in den Himmel ... und dann greift der Song mehr oder weniger all diesen Bullshit auf, den ich im Laufe meines Lebens indoktriniert bekam. Wenn man so ein Landei war wie ich, dann hat man ja als Kind alles irgendwie geglaubt oder glauben müssen. Aber letztendlich erfährt man die Wahrheit doch nur aus eigener Erfahrung, durch Neugier und Eigensinn. Man muss lernen, sich aus diesem Netz aus Vorurteilen und Halbwissen zu befreien, offen zu sein für Liebe und aufrichtige Freundschaften.
Diese Erfahrung reflektiert das ganze Album. Jeder Song – egal, ob von mir oder nicht – hat seine Charaktere, die uns ihre Geschichte erzählen ... und die eben nicht klein bei geben sondern aufbegehren. „Lights Out in Wonderland“ ist also, anders als der Titel es vielleicht suggeriert, alles andere als pessimistisch. Es geht ums Aufstehen und nicht ums Aufgeben. Um den kritischen Geist und den zivilen Ungehorsam, ohne die kein demokratisches Miteinander möglich ist.
Das ganze Album ist wie ein Mosaik aus vielen Charakteren, die kämpfen, aber nie die Flinte ins Korn werfen“.
Aufgenommen wurden die Songs größtenteils in den Temple Studios auf Maltas Nachbarinsel Gozo, Carltons mediterranen Domizil, und in seiner zweiten Wahlheimat, dem mythenumrankten Woodstock, wo Levon Helm eine alte Scheune zum Studio umgebaut hat, in der Carlton auch „Toast To Freedom“ produzierte. Den Song hat er gemeinsam mit Larry Campbell (Bob Dylan, Elvis Costello) zum 50-jährigen Jubiläum von Amnesty International geschrieben, wo er sich ehrenamtlich engagiert und für die er seit einigen Jahren — wie u.a. Bono Vox und Bob Geldof — als Musical Director tätig ist. Seiner Einladung ins „The Barn“-Studio folgten 2012 rund 50 namhafte Musiker und Musikerinnen aus der ganzen Welt, darunter Levon Helm und sein The-Band-Kollege Garth Hudson, Kris Kristofferson, Carly Simon, Angelique Kidjo, Ewan McGregor, Donald Fagen, Marianne Faithfull, Warren Haynes, Keb Mo, Eric Burdon, Taj Mahal, Florent Pagny, Jane Birkin, Jimmy Barnes, Rosanne Cash, Shawn Mullins, The Blind Boys Of Alabama und viele andere mehr.
Tragischerweise erlag Levon Helm wenige Tage bevor Amnesty International den Song Anfang Mai 2012 veröffentlichte seinem Krebsleiden.

Auf „Lights Out In Wonderland“, das Levon Helm so viel zu verdanken hat, ist er noch einmal zu hören. Neben ihm bereichern eine Reihe renommierter Gäste wie Larry Campbell, Zachary Alford, Klaus Voormann und Karen Coleman das Album.
Wayne P. Sheehy (u.a. Peter Gabriel, Ronnie Wood, Hothouse Flowers), Pascal Kravetz (u.a. Udo Lindenberg, Robert Palmer, Bruce Springsteen, Jimmy Barnes) und Yoyo Roehm (u.a. Gunter Hampel, Nick Cave, Jackie Liebezeit) bildeten gemeinsam mit Produzent David Vella den Nukleus der Aufnahmen und stellen auch die Kernbesetzung der Tour-Band.

Carl Carlton ist einer der bekanntesten deutschen Gitarristen und Produzenten. Er feierte zahlreiche nationale und internationale Erfolge. Sei es als mit dem Grimme-Preis ausgezeichneter Soundtrack-Komponist oder in Zusammenarbeit und Produktionen in Studios und auf unzähligen Bühnen rund um den Globus mit Robert Palmer, Willy De Ville, Eric Burdon, Donald Fagen, Joe Cocker, Van Dyke Parks sowie u.a. den Deutschen Künstlern Udo Lindenberg, Nina Hagen, Peter Maffay und Wolfgang Niedecken.


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